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Mein Problem mit Bitcoin

Die Idee, eine von Staaten und Staatsbanken losgelöste, freie Tauscheinheit zu schaffen, ist verlockend. Doch leider scheitert es an der Realität.

Im Bezug zu Bitcoin oder anderen Crypto/Blockchain-Währungen werden immer wieder folgende Punkte als große Vorteile angesprochen:

  • keine Inflation möglich, weil die Obergrenze festgelegt ist
  • verteilte Infrastruktur ohne Single Point of Failure oder Interventionsmöglichkeit
  • schnelle Transaktionen, weltweit
  • kostengünstige Transaktionen

Letztlich sind Währungen immer reine Vertrauenssache ohne intrinsische Werte: Man erwartet, dass Land und Gesellschaft zu ihrer Währung stehen und somit zwangsläufig als Teil ihrer Geschäftstätigkeit absichern. Andererseits können die Notenbanken jederzeit die Geldmengen und somit auch die Geldentwertung steuern. Dies ist seit 2009 mittels „Quantitative Easing“ zur „weginflation“ der Schuldenlast in Europa und den USA der Fall, davor schon länger in Japan. Streng genommen auch in China, weil dort der Wechselkurs zum US-Dollar künstlich niedrig gehalten wird um die Exporte, an denen auch ein großer Teil des chinesischen Wirtschaftswachstums hängt, zu subventionieren.

Gesammtgesellschaftlich ist eine moderate Inflation meines Erachtens sogar positiv, weil sie zu risikoarme Anlageformen „bestraft“, also die Bürger/Investoren dazu zwingt, für den Werterhalt weiter zu arbeiten und sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen. Aber natürlich trifft es die Menschen am stärkste, die eh schon wenig haben. Und aus libertärer Sicht möchte man sein Eigentum selbst verwalten und sich nicht bestehlen lassen.

Bitcoin hat eine implementierte Höchstgrenze von einundzwanzig Millionen Einheiten (21.000.000 BTC), somit sollte es zu einer Deflation kommen, also einem Anstieg des Wertes im Vergleich zu Fiat-Geld wie Dollar oder Euro. Allerdings kann ich auch 2017 noch keine nennenswerten wirtschaftlichen Aktivitäten im Bitcoin-Umfeld erkennen: Die Akzeptanz ist ausserhalb der Crypto-Currency-Spekulationsblase gleich null. Ich kann also mit Bitcoin nahezu keine Güter, Produktionsmittel oder Dienstleistungen bezahlen und bin aktuell immer darauf angewiesen, dass mir jemand bei Bedarf einen Umtausch in Fiatmoney ermöglicht.

Da es keine regulierten Börsen mit Marketmakern gibt, sondern letztlich nur ein Wild-West-Ökosystem bei dem Händler, Bitcoin-Miner und Spekulanten die Preise und Angebot unter sich ausmachen, habe ich hier bereits eine sehr hohe Preisunsicherheit/Volatiliät, was sowohl aus Kunden- wie auch aus Unternehmersicht schlecht ist: Ich möchte beispielsweise für ein Pfund Butter nicht je nach Tageszeit 1, 2 oder 5 € bezahlen müssen, dies kann bei Bitcoin (und noch viel extremer bei anderen Altcoins) der Fall sein.

Schnelle Transaktionen sind in der westlichen Welt relativ schnell möglich, gerade in Europa mit dem SEPA-System binnen eines Werktages. Das ist ausreichend für fast alle Geschäftstätigkeiten, ansonsten gibt es (durch Banken oder Versicherungen besicherte) Kreditlinien zwischen den Handelspartnern, welche für Berechenbarkeit und damit auch Sicherheit in der Zusammenarbeit sorgen.

Auch eine Transaktion zwischen den USA und Europa ist innerhalb von 1-2 Tagen durchaus möglich: Nahezu alle Handelsbanken haben Zweigstellen und können von dort Transaktionen durchführen, falls nicht, bleibt noch immer das SWIFT-Netz. Die Gebühren sind zwar signifikant höher als bei einer Gratis-SEPA-Überweisung, jedoch relativ moderat. Meine Erfahrung ist: 100.000$ USA->Deutschland liegt im Bereich von ca 200€.

Auch bei Bitcoin gibt es Transaktionskosten, die ebenfalls mit der Knappheit der Währung steigen werden. Wer hier „zu wenig“ oder keine Transaktionskosten bezahlen möchte, wartet unter umständen tagelang auf eine Bestätigung. Auch hier sind die Kosten sehr volatil. Sollten irgendwann alle Einheiten „gemined“ worden sein, stünde zwar theoretisch sehr viel Rechenkapazität zur Bestätigung von Transaktionen bereit, diese wäre dann aber nur dann kostendeckend zu betreiben, wenn Transaktionskosten zukünftig eine vergleichbare Rendite lieferten wie Mining heute.

Aktuell schafft das gesamte Bitcoin-Blockchain-System meines Wissens 3,5 Transaktionen pro Sekunde (Juni 2017) was lächerlich wenig ist.

Schlussendlich muss man sich aber fragen, warum das bisherige Geschäftsbankensystem die Eigenschaften hat, die von Bitcoin-Fans so kritisert werden: Es ist so erwünscht und gefordert!

Hinter jedem organisierten Verbrechen steht ein Geldfluss oder ein ganzer Schattenwirtschafts-Zweig. Ob Drogenhandel, Menschenhandel, „Mafia“, „ISIS“ – Terror und Kriminalität kostet oder erwirtschaftet viel schmutziges Geld, welches gewaschen werden muss: Gewinne aus illegalen Quellen müssen glaubwürdig in regulierte, legale Kanäle überführt werden (oder umgekehrt).

Das geht relativ anonym über große Mengen an Bargeld, was aber immer weiter erschwert wird. In vielen Ländern sind große Bargeldmengen alleine schon ein Grund zur Beschlagnahmung und Anzeige. Der Inhaber muss nachweisen, woher er die Mittel hat, oder man unterstellt ihm illegale Geschäfte, zumindest aber Steuerhinterziehung.

Eine andere Möglichkeit sind Scheingeschäfte wie Restaurants, Hotels, Catering oder Glücksspiel-Salons, die allesamt entweder erstaunlich profitabel arbeiten oder gerade so kostendeckend.

Um hier zumindest den Versuch einer Kontrolle zu unternehmen, sind deshalb Banken verpflichtet, von sich aus(!) verdächtige Zahlungen/Geldwäscheverdacht an das BaFin zu melden. Weiterhin sind Banken verpflichtet, detaillierte Informationen über ihre Zahlungsverkehrskunden zu sammeln und zu verifizieren (Know your customer). Das alles kostet Geld und bei ungewöhnlichen Transaktionen auch Zeit für eine Prüfung. Die Banken sind nicht scharf darauf dies zu tun, aber ein Unterlassen kann milliardenschwere Strafen in den USA oder Europa mit sich bringen.

Da Bitcoin keine allgemein akzeptierte Währung ist, muss hier mindestens am einem Ende einer Transaktion ein Umtausch in Fiat-Money stattfinden: Also eine reguläre Banküberweisung. Zudem sind in Europa und den USA auch Bitcoin-Exchanges zur Meldung verdächtiger Zahlungen verpflichtet.

Wenn ein arbeitsloser Hartz4-Empfänger plötzlich 200.000€ in einem Monat mit dem Verkauf von Bitcoins macht, wird er sich hier mindestens vom Sozialamt/Arbeitsagentur nach der Herkunft der Bitcoins befragen lassen müssen oder bei einer Überprüfung sofort ein Verfahren wegen Sozialbetrug und Steuerhinterziehung am Hals haben. Passiert ihm das öfter, hat er so gut wie sicher eine detaillierte Observation am Hals. Big Data und Mustererkennung sei dank, kann man sehr einfach solche ungewöhnlichen Aktivitäten erkennen.

Sollten sich wider erwarten auch legal agierende Unternehmen auf BTC einigen und das gesamte Tausch-Volumen weiter zunehmen, wird es zwangsläufig eine Regulierung geben, die der bisherigen, herkömmlichen Regulierung in keiner Weise nachsteht, also vergleichbare Kosten und Laufzeiten (Sperrung der Gutschrift bist zur Klärung etc) mit sich bringen wird.

Die von Bitcoin-Fans gemachte Aussage, dass es in vielen Teilen der Welt kein verlässliches Bankensystem gibt, ist auch nicht haltbar. Unternehmen haben überall einen Zugang zu einem Bankensystem, sofern gegen ihr Ursprungsland kein Handelsboykott verhängt wurde. Mitten in der Wüste gibt es vielleicht keine Bankfiliale oder vertrauenswürdigen Geldverleiher, aber vermutlich auch kein nennenswerten Handel, der über den alltäglichen Tauschhandel hinausgeht. Weiterhin fehlt dort sicher auch Strom und 4G um sich eine 20GB Blockchain in einen Bitcoin-Client zu laden, was auch die Verwendung zur Bezahlung von Milch und Reis (Alltagsgüter) nicht plausibel erscheinen lässt.

Warum also steigen Bitcoin momentan so stark? Vermutlich, weil es aktuell einen Hype zu Altcoins gibt, also neuen, spezialisierten Cryptowährungen mit ähnlicher darunterliegender Blockchain-Technologie, die in Form von ICO (initial coin offerings) angeboten werden und typischerweise nur gegen Bitcoin getauscht werden. Somit hat man quasi ein Schneeballsystem an ein neues Schneeballsystem gehängt: Alle wollen die neue Spezial-Altcoins haben in der Erwartung von steigenden Wechselkursen, brauchen dafür Bitcoin, kaufen mit Fiatmoney Bitcoin => Wechselkurs von Bitcoin steigt.

 

TL; DR

  • Bitcoin ist in der Unternehmenswelt nicht akzeptiert, weil das „verkürzen“ der bisherigen Transaktionswege eine Verletzung der Anti-Geldwäsche-Gesetze darstellt und weiterhin die hohe Volatilität keine Planbarkeit ermöglicht.
  • Bitcoin wird nicht als Währung zum Tausch zB für Waren/Dienstleistungen benutzt, sondern als Schneeball-Vehikel um gehypte Altcoins zu beziehen.
  • Chance/Risiko-Verhältnis scheint aber zumindest deutlich besser als bei Lotto oder anderen Glücksspielen zu sein.

 

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