Schach ist faszinierend und brutal. Ähnlich wie auch in der Software-Entwicklung sehen die ersten Züge sehr leicht aus, aber der möglichen Komplexität sind keine Grenzen gesetzt. Irgendwann übersehen Spieler und Entwickler Bedrohungen des Gegners oder ihres eigenen Tuns.
Selten liegen die Emotionen von „ich werde haushoch gewinnen“ bis „ich bin so verdammt unfähig und dumm“ so nahe. Man zweifelt an sich selbst, an seinem Verstand.
Ich dachte lange, vielleicht läge es ja nur an mir. Aber ich habe sowohl im Beruf als auch die mittlerweile livestreamenden Großmeister „weinen“ gesehen. Wir sind an guten Tage und in guter mentaler Verfassung alle in der Lage, über uns hinauszuwachsen, aber die nächste Unaufmerksamkeit ist nur ein paar Augenblicke entfernt. Dann schaffen wir nicht 120% und nicht mal mehr 80-90% unserer kognitiven Dauerleistung, sondern machen schlicht Anfängerfehler. Profis passiert das natürlich viel seltener, aber es passiert und fühlt sich genau so beschämend an, wie als Anfänger seine Dame im Spiel einzustellen oder ein ungesichertes Verzeichnis mit Quellcode zu löschen.
Bei sehr transparenten Ereignissen, zudem Schach nun mal gehört, teilt man seine (temporäre) Unfähigkeit auch mit der ganzen Weltöffentlichkeit. Selbst im Amateurbereich werden nicht nur die Ergebnisse bilanziert, sondern auch Partien vollständig digital erfasst und veröffentlicht. Jeder kann sehen, was man gemacht hat.
Natürlich leidet man selbst am meisten unter der gefühlten Schmach, obwohl es nach ein paar Tagen meist niemanden mehr kümmert.
Aber dann gibt es noch ein viel größeres Problem, dem wir nicht aus dem Weg gehen können: Der Abnahme unserer Leistungsfähigkeit mit dem Alter. Viele Schachprofis hören dann komplett auf, um sich ihre Wertungszahlen nicht zu versauen oder die Schmach zu geben, als Ex-Weltranglisten Top 100 dann womöglich gegen fünfzehnjährige Nachwuchstalente zu verlieren.
Kramnik
Je größer der Erfolg einmal war, desto tiefer fällt man. Und am tiefsten gefallen ist Vladimir Kramnik, russischer Ex-Weltmeister, der jetzt in Genf lebt und keine Rolle im aktiven Schach mehr spielt, aber seine altersbedingte schlechter gewordenen Leistungen dahingehend rechtfertigen möchte, dass er eine großangelegte Betrugsserie im Schach sieht, die ihn benachteiligt.
Genauer gesagt geht es um einen wöchentlichen Event der kommerziellen Schachplattform chess.com, die in Eigenregie und ohne FIDE-Wertung ein Blitzschachturnier austrägt, den sogenannten „Titled Tuesday“. Teilnehmen dürfen FIDE-Titelträger.
Zu gewinnen gibt es etwas Geld und am Ende für den Jahresgesamtsieger einen Startplatz bei der Blitz-Weltmeisterschaft.
Chess.com möchte insbesondere Großmeister mit eigener Reichweite dazu bringen, dort aktiv zu spielen, um ihre Plattform zu bewerben. Viele übertragen deshalb ihre Teilnahme live (livestreaming) über z.B. Twitch.
Auch Kramnik spielte eine Zeit lang mit. Nachdem er immer wieder Partien verloren hatte, unterstellte er den Gegnern Betrug. Sicherlich ist der Betrug online im anonymen Amateurbereich weit verbreitet, aber wir reden beim Titled Tuesday von Spielern, die auch „OTB“ (over the board) also dem physischen Brett jahrelange Erfolge unter Aufsicht von FIDE-zertifizierten Schiedsrichtern und den FIDE-Regularien erzielt haben. Warum sollten diese für eine (geringe) Chance auf 500-1000$ an einem Abend ihre komplette Karriere verspielen?
Den Hass von Kramik hat unter anderem Großmeister (GM) Daniel „Danya“ Naroditsky aus den USA getroffen. Die Plattform chess.com hat sich lange „zu neutral“ verhalten und letztlich dem ganzen erst etwas Einhalt geboten, als Kramnik zu ausfällg wurde. Aber Kramnik hat nicht aufgehört über Twitter/X und YouTube Naroditsky und anderen Betrug zu unterstellen.
Naroditsky war ein Schach-Wunderkind, der dann aber das Studium in Stanford durchzog und „nur“ noch aktiv in einem der größten Schachzentren in den USA, dem Charlotte Chess Center in Charlotte, NC war und dort Nachwuchsspieler ausbildete. Er schieb Bücher, kommentierte Partien und war auch ein bekannter und sehr beliebter Streamer und YouTuber.
Als Kind war Kramnik sein Idol. Als junger Erwachsener hat Kramnik in verbal fertig gemacht.
Vor einigen Tagen starb Danya mit nur 29 Jahren. Einen Tag nach einem sehr melancholischen, teilweise verstörend wirkenden Livestream. Sinngemäß sagte er, wenn er gut spiele, würde Kramnik ihm wieder Betrug unterstellen.
SPON: Attacken auf verstorbenen Naroditsky Schach-Weltverband prüft Äußerungen von Ex-Weltmeister Kramnik