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Über das Ziel hinaus…

Wahrscheinlich gibt es einen passenden Ausdruck für dieses Verhaltensmuster: Jedenfalls macht mir dieses Muster Angst und das Verständnis hiervon könnte uns und den betreffenden Leuten viel Frust, Ärger und Trauer ersparen.

Und zwar geht es um typische Revoluzzer: Leute, die sich in Dinge stürzen und sich mit allem anlegen, was ihnen in die Quere kommt — für die vermeintlich gute Sache. Oftmals haben sie durchaus in der Sache recht und nur durch ihre Beharrlichkeit und Selbstaufopferung ist am Ende eine Veränderung möglich bzw. möglich geworden.

Doch diese Leute können dann oft nicht mehr aufhören.

Sie haben sich so in ihre Rolle gesteigert, sehen sich wahlweise als Freiheitskämpfer, Widerständler oder auch Märtyrer.

Bei der Piratenpartei habe ich das mehrmals und bei unterschiedlichen Persönlichkeiten beobachten müssen: Ursprünglich sympathische Leute haben sich in einen Wahn gesteigert, jeden Sinn für konstruktive Verbesserung verloren und kämpften nur noch für den totalen Sieg — schlimmer: Nur noch für den Untergang des Feindes.

Am Ende demontieren sie aber nicht nur ihre direkten Feinde und sich selbst, sondern oftmals auch die ursprünglich gute Sache, es lachen die Dritten im Hintergrund.

Wer in seinem Leben die Grenze überschritten hat und sich als messias-ähnlichen Vollblut-Aktivist begreift, hat oft keine geordnete Rückzugsmöglichkeit mehr in ein „normales Leben“ und bleibt immer ein polarisierender Aussenseiter — Sonst müsste man sich eine Niederlage oder einen Irrtum eingestehen, was nicht zu einem Messias passen würde…

Auch wenn im Kern die „erste“ Aktivität erfolgreich war. Es gibt immer neue Themen und Probleme und man kann nach diesem Erfolg nicht einfach aufhören. So wird die Person trotz des vermeintlichen Erfolges immer schriller, emotionaler, irrationaler und wendet sich immer „schrägeren“ Themen zu.

Es ist auch vollkommen egal, ob Frau oder Mann, ob konservativ oder liberal, ob marktwirtschaftlich oder sozialistisch, ob religiös oder wissenschaftlich: Überall biegen laufend Leute falsch ab und begeben sich auf den Weg des Fanatismus. Die Grenzen von Recht, Gesetz, Ethik und Menschenwürde werden so gedeutet um die eigenen Handlungen zu legitimieren. Wer sich oft und lange genug gegen das Establishment empört hat und sich (gegenseitig) immer und immer wieder in die Opferrolle gebracht hat, der hält sich letztlich auch für legitimiert, fremdes Eigentum zu beschädigen oder Menschen anzugreifen. Mit Worten und in letzter Konsequenz auch durch physische Gewalt.

 

Alice Schwarzer ist ein aktuelles Beispiel für dieses Verhalten: Hätte sie sich nicht so radikalisiert, hätte sie vermutlich niemals diese Aufmerksamkeit erreicht und das Thema Feminismus in die Öffentlichkeit gebracht. Äusserungen und Kampagnen aus jüngerer Zeit gehen aber vollkommen an der guten Sache vorbei: Sie scheint noch immer im Verhaltensmuster „totaler Krieg“ gefangen zu sein, bei dem es ausserhalb der kleinen Gemeinschaft nur Todfeinde zu geben scheint, deren Bekämpfung die Anwendung aller Mittel legitimiert.

Umso härter dann die Kritik, wenn eigenes Fehlverhalten objektiv nachgewiesen werden kann. Nun wird bewusst oder unbewusst wieder die Opferrolle eingenommen — als Täter! Eskapaden, Rundumschläge, wirre Anschuldigungen und Verschwörungstheorien demontieren oder begraben das eigene Lebenswerk.

Jeder Mensch ist meiner Meinung nach hierfür anfällig und jeder sollte sich auch in Zeiten des großen Erfolges dieser Tatsache bewusst sein um die Bodenhaftung und eine gesunde Selbstreflexion nicht zu verlieren. Die eigenen Filter-Bubble zu verlassen oder sich für eine Zeit einem komplett neuen Themengebiet zuzuwenden, kann hierbei sehr helfen.

Und wir müssten diesen Leuten auch eine Rückkehr in die Gesellschaft erlauben. „Ich habe mich geirrt“ ist für mich nicht ein Zeichen geistiger Schwäche sondern ein Zeichen der Reife. Wer sich also eigene Fehler eingestehen kann und die Reißleine zieht, bevor es zu spät ist, sollte dadurch nicht sein Gesicht verlieren sondern eine zweite Chance bekommen.

Gibt es keine zweite Chance, hat diese Person auch objektiv keine Alternative und wird weiterhin radikalisiert bist zum bitten Ende weitermachen und schlimmstenfalls nicht nur sich sondern auch andere Menschen ins Unglück stürzen.

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