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Agenda-Setting: Oder wie man Medien manipuliert

Unter Agenda-Setting versteht man das Setzen von Themenschwerpunkten im öffentlichen Diskurs/Medien, eigentlich primär im politischen Tagesgeschäft: Man bauscht ein Problem auf, für das man bereits eine einfache Lösung finden kann und verkauft sich als erfolgreicher Macher, oder man schiebt der Regierung ein Thema unter, das nicht zu gewinnen ist: Die Medien übernehmen das Zuspiel und vollenden das Werk.

Ich verwende den Ausdruck auch ganz gerne im Umfeld von Public Relations (PR) oder Media Relations (Medienarbeit). Suggerieren diese Bezeichnungen doch einen so unschuldig-rationalen Vorgang, versteckt sich dahinter doch einzig die Strategie, durch Veröffentlichungen und „Informationsveranstaltungen“ möglichst enge Beziehungen zu Journalisten aufzubauen und diesen dann die passende Agenda meist ausformuliert zukommen zu lassen.

Nehmen wir einmal ein konkretes Beispiel:

Wir schreiben den 27.12.2018, es ist „zwischen den Jahren“ und dementsprechend wenig los. In Agenturen und Medienredaktionen sitzen nur wenige Leute, die Notbeschäftigung, die aus irgend einem Grund nicht zuhause bleiben durfte. Die schwache Nachrichtenlage schreit quasi nach neuen, möglichst wenig polarisierenden Meldungen: Wer polarisiert, muss Begründen. Wer polarisierendes berichtet, muss fact-checking betreiben und den Kopf hinhalten.

Dann schreiben wir aber auch den 27.12.2018, kurz vor Jahresende, einem wichtigen Verjährungsdatum im Rahmen des VW-Dieselbetruges in Deutschland.

Und dann schreiben wir auch den 27.12.2018, an dem CSU-Verkehrsminister Scheuer offen den Widerstand gegen eine Nachrüstung von betrügerisch zugelassenen Diesel-Fahrzeugen aufgibt.

Was macht nun VW Media Relations daraus? Nun, man hat sich eine schöne Konserve ausgedacht: Man möchte aus ausgedienten Elektroauto-Akkus stationäre Ladesäulen bauen, oder Ladesäulen mit Recyclingakkus puffern. Wer sich etwas ernsthafter mit E-Moblilität beschäftigt hat, hört das nicht zum ersten Mal, auch Tesla möchte Megacharger (geplante Supercharger für LKWs) mit Akkus puffern (Artikel aus Februar 2018!), um Netzspitzen zu vermeiden, so wie Tesla es mit neuen Akkus bereits in Australien zu Stabilisierung des Stromnetzes sehr erfolgreich umsetzt.

VW hat da bisher nichts zu melden: Ein reichweitenarmes Handarbeits-Modell aus Dresden, basierend auf dem Golf. Dann ein Kleinstfahrzeug namens E-Up. Und diverse Mockups, Designzeichnungen, angebliche Prototypen mit irrwitzigen Leistungswerten und Weltpremieren (als ob).

Letztlich spielt VW hier das Diesel-Spiel elektrisch weiter, als Teil einer suggestiven Medienstrategie: Mangels harter Fakten wird Elektro-Propaganda produziert, die nicht nur alles am Markt übertreffen wird, sondern auch spätestens in 2 Jahren erhältlich sein wird. Das wird schon seit 2010, also sogar schon vor der Aufdeckung des Dieselgates, so kommuniziert und wurde bisher nie eingehalten.

Aber das muss und soll die Journalisten natürlich nicht interessiert: Es gibt im VW-Newsroom schöne Texte, futuristische Designdarstellungen und die Durchwahl des wachhabenden Media-Relations-Generals. Bunte Bildchen, feel-good-Innovation-Zukunft-Mix. Wer kann da nicht nein sagen.

Spiegel.de konnte es nicht, eigentlich konnte es fast kein Medium. Golem, Heise… selbst die Stuttgarter Zeitung am Folgetag nicht. Und um es noch schlimmer zu machen, übernahm man nicht die Designskizze, sondern verwendete ein Pressefoto der E-Golf-Herstellung in Dresden.

Dort wo früher hochpreisige Luxuspanzer in Handarbeit hergestellt wurden, wird heute in Handarbeit der E-Golf produziert. Trotz diverser angekündigter Steigerungen der Produktion liegt diese (je nach Quelle 70-120 Stück pro Tag), weit abgeschlagen hinter der erst 2017 aufgebauten Serienfertigung des Tesla Model 3 – aller negativen Berichterstattung über Tesla zum Trotz.

Steht natürlich auch in keinem deutschen Medium. Ebensowenig welche Hochstapelei das Ionity-Ladenetz der deutschen Autohersteller ist: Es gibt auf absehbare Zeit keine Fahrzeuge, die beworbene, hohe Ladeleistung erreichen könnten und ausserdem fehlen an 99% der gebauten Ladesäulen die passenden Kabel: Wer 350kW/800W übertragen will, benötigt flüssigkeitsgekühlte CCS-Ladekabel, für die es meines Wissens bis heute keine Serienfertigung gibt. Einzig Sonderanfertigungen für Ladestationen aus dem Porsche-Entwicklungs-Umfeld wie es eine in Dänemark gibt. Praktisch sind zur Zeit also nicht mehr als 70-80kW möglich, einem Wert den Tesla seit 2013 bereits mit seinen Superchargern erreicht.

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