Wir machen es uns gerne einfach: Die Politik ist schuld, Unternehmen, Lobbyisten, Superreiche. Wir selbst sind natürlich komplett unschuldig und würden alles besser machen.
Seit ich 2020 wieder aufs Rad steige und nahezu ausschließlich in und um München fahre, wundere ich mich über den Stillstand bei der Radverkehrspolitik, bei der Verkehrswende, bei den Radwegen. Sei es nur Farbe oder Poller. Natürlich hat die CSU-Landesregierung hier einen großen Anteil daran, aber je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto wütender wurde ich gegenüber der lokalen SPD, aber auch vielen Leuten aus den Fahrradvereinen.
Die Menschen sind alle nett im Umgang, man kann mit ihnen ratschen und ich unterstelle ihnen keine böse Absicht. Aber sie sind komplett unfähig. Sie machen gut gemeintes auf eine passive, kollaborierende Art und Weise, die nicht zu einer konsens-getriebene Verbesserung führt, sondern zu einer Stagnation und stillschweigenden Akzeptanz des negativen Status Quo. Es gibt einen Klüngel, der sich abschirmt.
Diese Vereine schaffen es nicht, hier regional Menschen zu mobilisieren. Der Altersdurchschnitt ist jenseits des Renteneintrittsalters und wenn man dann doch mal mitfährt, wie gestern beim „Ride of Silence“ um den Opfern im Verkehr zu gedenken, muss man sich aus den eigenen Reihen Verständnis für Falschparkende auf Radstreifen in gefährlichen Lagen anhören.
So funktioniert das nicht. Diese Vereine mit ihren Mandatsträgern und Kontakte zur Verwaltung und Parteien (Grüne, SPD) sind nicht nur eine Alibi-Veranstaltung, sie verhindern aktiv eine Verbesserung. Das ist auch relativ schnell ersichtlich, was dazu führt, dass produktiv handelnde Menschen einen großen Bogen darum machen und sich nicht einbringen. Mitgliederzahlen sind rückläufig oder stagnieren bestenfalls. Aktivenquote minimal. Innerhalb der Vereine gibt es keinen Plan, wie man die Vergreisung stoppen möchte, oder wie man Potenzial innerhalb des Vereins oder der Szene produktiv einsetzen kann. Es gibt keine Pläne, wie man lokaler aktiv wird, bei einer großen Millionenstadt z.B. auf Bezirksebene.
Es hat keinen Zweck. Die Leute müssen weg, nicht aus dem Verein, aber weg aus den Vorständen und Leitungsfunktionen von Arbeitsgruppen.
Nennen wir es Generationswechsel.
Wenn der angeblich größte Radlverein exakt zwei Veranstaltungen pro Jahr hinbekommt, darunter einen Ride of Silence mit ca. 50 Pedelec-Rentnern und eine Sternfahrt, die aber wie immer Folgenlos bleibt und nur viel Zeit und Geld kostet, dann kann man es auch sein lassen. Zwischendurch kommen Medienäußerungen, die Fehl am Platz sind. Da werden Räumdienste und 50m Radweg gelobt, obwohl gleichzeitig massenweise Leute stürzen und die 50m eine Light-Variante sind, die mit dem Radentscheid-Ausbaulevel nicht vereinbar sind.
Deshalb bin ich aus dem ADFC auch wieder ausgetreten.
Andere Vereinsteile in anderen Bundesländern bekommen das hin. Sie betreiben dort auch großen Lastenrad-Leihprojekte, wie in Berlin, Köln oder Hannover. In München? Nichts.
Bei der vorletzte IAA Automesse hatten viele Mitglieder des ADFC-Landesverbandes sogar die Chuzpe, sich auf eine Alibiveranstaltung einladen zu lassen, während gleichzeitig andere Vereine (BUND, Naturfreunde, etc.) eine Rad-Demo gegen die IAA organisiert haben.
Wie konnte es sein, dass Vorständinnen gleichzeitig auf „der anderen Seite“ bei der Stadt beruflich im Mobilitätsreferat tätig waren? Warum hat außer mir niemand diesen Interessenskonflikt thematisiert?
Im Nachgang zur gestrigen Veranstaltung Ride of Silence schrieb mir jemand, sinngemäß: „Wenn ich überfahren und getötet werde, soll niemand von ADFC oder Radentscheid eine Rede halten dürfen.“
Dem stimme ich zu.
Die Critical Mass als monatliche „Großveranstaltung“ mit hunderten von Teilnehmenden wird von einigen Menschen aus der Radlszene koordiniert und durchgeführt, die in den Vereinen und Gruppen kein Amt innehaben. Ich nenne jetzt keine Namen, aber wer 1-2x mitfährt, weiß, wen ich meine. Diesen Menschen halten es am Laufen, nicht der ADFC, nicht der VCD, nicht der BUND oder wie immer die anderen Vereine heißen, die beim Radentscheid mitmachen.
Wer Verwalten will, sollte einem Kleingartenverein beitreten.
Wer etwas bewegen und verbessern will, muss zielorientiert, fokussiert und mit allem arbeiten, was verfügbar ist.