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Schubkarrenweise Geld – Folge 2

Nach meinem Rant über Unternehmen, die in AWS die Lösung ihrer selbstgemachten Probleme sehen, gibt es nun den zweiten Teil. Er befasst sich mit der öffentlichen IT-Infrastruktur aus Anlass der heutigen Meldung, dass die Bundesrepublik Deutschland rund drei Milliarden Euro pro Jahr für externe IT-Berater ausgibt und alleine 47 Millionen Euro für ein lächerliches Bürgerportal, was dazu auch noch 4 Jahre bis zur Fertigstellung benötigen soll.

Die Gründe, warum unser Staat technisch bankrott ist, sind naheliegend: Einheitstarife benachteiligen begabte und hochqualifizierte Personen der IT-Branche: Sie verdienen ausserhalb weit mehr interessieren sich einen Scheiss für Red-Tape, Stempeluhr und den Verwesungsgeruch eines bürokratischen Monsters.

Die trotzdem dort beschäftigten IT-Entwickler, Admins und Projektleiter sind also auf dem freien Arbeitsmarkt nicht fündig geworden oder verstehen bis heute die Grundlagen der Marktwirtschaft nicht. Sie ordnen sich masochistisch der Bürokratie unter oder schalten während ihrer Arbeitszeit die Birne ab, schliesslich sind sie so gut wie unkündbar.

Die Lösung erscheint simpel:

Wenn es intern nicht geht, dann kauft man sich eben Know-How extern ein. Hier gibt es keine Maximallöhne, keinen Betriebsrat oder Arbeitnehmerschutzrechte zu beachten: Dafür sind die Zulieferer selbst verantwortlich.

Man verlangt von Dienstleistern absurde Qualifikationen, Personalstärken, Umsatzzahlen und Versicherungspolicen schon bei der Ausschreibung. Somit ist ausgeschlossen, dass dynamische Technologieunternehmen mit geringer Personaldichte überhaupt notwendige Ausschreibungsunterlagen erhalten geschweige denn ein Angebot abgeben dürfen. Übrig bleiben die Tanker der Industrie und Beraterbranche, die diese Kriterien zwar erfüllen, aber deren Unternehmensziel darin besteht, Budgets aufzusaugen wie Zecken das Blut ihrer Opfer.

Beratungsunternehmen mit Fokus auf öffentliche Auftraggeber haben nicht das Ziel, ein Projekt schnell und unterhalb des Bugets zur Zufriedenheit des Kunden zu erfüllen. Ihr Incentive liegt nach initialem Auftragsgewinn darin, Folgeaufträge zu generieren. Wenn der Kunde keine Ahnung hat oder Folgeaufträge nicht schon sicher sind, arbeitet man eben darauf hin. Manche behaupten, dies sei Sabotage oder Absicht, anderer sprechen von glücklichen Zufällen im Laufe eines Produktlebens.

Dabei muss man sich nicht mal großartig bemühen, denn die Verantwortlichen in Behörden und Ämtern sind darauf getrimmt, ihren Hintern zu sichern und einfach auf Glatteis zu führen. Alles was es also für einen Folgeauftrag braucht, sind halbwegs plausibel aufgeführte Zweifel/Risiken:

“Können Sie ausschliessen, dass die zu entwickelnde Software später auch in mehr als einer Sprache bereitgestellt werden muss? Können Sie, in Anbetracht der internationalen, geopolitischen Situation ausschliessen, dass auch Sprachen unterstützt werden müssen, die linksläufig sind? Kann es sich die Bundesrepublik Deutschland leisten, bustrophedone Schriften auf Jahrzehnte hin zu ignorieren?”

Hier wird unter Garantie kein behördlicher Mitarbeiter sagen “Nein. Das wird nicht passieren und ich wette meinen Hinter darauf”.

“Ja, also ich weiss nicht. Das kann ich nicht entscheiden. Was schlagen Sie vor?”

Und schon sind die nächsten 100.000 Personenjahre an Consulting gesichert, die Ausschreibung nur eine Frage der bestehenden Kontakte und Kontaktpflege. Mal gewinnt T-Systems, mal Accenture, mal McKinsey. Und bei einfachen Dingen wie schlechten Websites und miesen Java-basierten CMS-Lösungen sind es Materna oder ]init[ AG.

Passende Real-Life-Szenarien sind z.B. auch alles was mit dem nPA (Personalausweis) oder der Gesundheitskarte zu tun hat. Hier wurden “totalitäre” Ansprüche, also eine “umfassende”, “allgemeinverpflichtende”, 100%ige Lösung entwickelt, die es trotzdem per Definition nicht sein kann.

An den Bürgern, dem Markt und der Technologie vorbei. Die in alleine diesen beiden Projekten versenkten Mittel dürften schon lange die Milliardengrenze überschritten haben und nur ein paar wenigen Unternehmen über ein Jahrzehnt hinweg “garantierte” Umsätze beschert haben.

Was würde also diese etablierte, für Dienstleister glückliche und hart erarbeitete Situation stören?

Transparenz! Und zwar mindestens in folgenden Punkten:

  • Anforderungen an Software im öffentlichen Einsatz müssen vollständig veröffentlicht werden. Das gilt über die Fertigstellung eines Gewerkes hinaus. Der Staat muss Aktualisierungen veröffentlichen z.B. über GitHub oder eine andere Lösung versioniert bereitstellen.
  • Werden Gewerke für die öffentliche Hand entwickelt, so sind diese der Allgemeinheit im Quellcode bereitzustellen. Man kann über die Lizenz streiten, also ob private Unternehmen diese Software als Grundlage für ihre Geschäfte weiternutzen dürfen, oder ob dieses Recht dem öffentlichen Auftraggeber vorbehalten bleibt.
  • Es muss eine Mindestkompetenz im Anforderungsmanagement und Projektüberwachung im öffentlichen Dienst und der Verwaltung geben. Nur wer überhaupt die Basics versteht und auch innerhalb der Verwaltung verteidigen kann, wird ein verantwortungsbewusster und starker Auftraggeber sein, der sich nicht mit abstrusen Argumenten oder schlechten Resultaten abspeisen lässt.

Im übrigen ist das alles bereits in einem Noch-EU-Land seit Jahren erfolgreich im Gange:

Ausgerechnet das Vereinigte Königreich hat schon vor Jahren das Problem erkannt: Zu Beginn wurde “Alpha.gov.uk” geschaffen, eine von Grund auf neue Einheit zur Erarbeitung neuer IT-Standards in der Verwaltung. Mittlerweile wurde daraus der “Government Digital Service” , der bereits in der Wirtschaft lange übliche Vorgehensweisen für die Nutzung in der Verwaltung übernommen hat. Es gibt einen Leitfaden (“Service Toolkit”) zur Digitalisierung öffentlicher Dienste, die neben UX und technologischen Grundlagen auch den Planungsprozess definieren. Hierbei liegt der Augenmerk auch darauf, die einzelnen Aspekte zu begründen und nachvollziehbar zu machen.

Sämtliche Inhalte und viele daraus entstandene Anwendungen sind quelleoffene OpenSource-Software, frei verfügbar auf GitHub.com und (theoretisch) auch in der deutschen Verwaltung einsetzbar.

Meines Wissens bestand das Alphagov-Team aus unabhängigen Freelancern und kleinen Agenturen, die bisher nicht im üblichen industriellen Beratersumpf tätig waren. Der GDS besteht aus festangestellten Mitarbeitern zu Tariflöhnen, die dort dementsprechend angepasst wurden, um qualifiziertes Personal finden und halten zu können. Einzelne Projekte werden meines Wissens weiterhin ausgeschrieben und extern umgesetzt, aber eben zu den öffentlich definierten Regeln und Anforderungen, die nicht vom Auftragnehmer zu leisten sind.

Somit reduziert sich die Selbstbedienungsmöglichkeit drastisch und ein erfolgreicher Projektabschluss wird wieder das Ziel aller Beteiligten.

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