2025 war bei mir das Jahr von TikTok. Durch sehr selektive Nutzung und Inhaltebewertung habe ich es ohne Probleme geschafft, 99% der AfD, BSW und Putin-Propagandisten aus meiner FYP (For you page, Empfehlungen) zu halten.
Essenziell war es, nicht auf Rage Bait und böswillige Inhalte zu reagieren. Jede Interaktion sorgt dafür, dass vergleichbare Inhalte einem selbst und allgemein häufiger ausgespielt werden. Noch eine Hassplattform brauche ich mir nicht anzutun.
Spannend ist TikTok insofern, als dass man die 18–30j Generation im O-Ton hört, was sie so denkt, welche Lebenspräferenzen und Ängste sie hat. Problematisch war es nur dann, wenn Leute, die vorgaben „links“ zu sein, in eine antisemitische Israelkritik abgestürzt sind. Auch hier half entfolgen und blocken bzw. ignorieren ziemlich gut.
Was bisher kein Social Network schaffte, ist das Ausspielen von globalem Content. So habe ich z.B. Clips von Feldbahnen in Indonesien gesehen oder Inhalte von Fahrrad-Initiativen z.B. in Mailand oder Portland, Oregon.
Hier eine Liste von Accounts, denen ich folge und die ich empfehlen kann:
Nina (Nimasigg) ist Social-Media Redakteurin beim BR und passionierte Radfahrerin. Sie nahm dieses Jahr am härtesten europäischen Radmarathon bzw. Ultra Cycling Event teil, dem Transcontinental Race. Podcast dazu beim BR.
Openstream.ch ist eine WordPress/Web-Development-Agentur aus Zürich, deren Chef Nick Weisser den TikTok Account betreibt. Primär geht es um KI, digitale Souveränität und die digitale Zukunft. Er selbst ist gerade nach Barcelona umgezogen, vielleicht kommt auch mehr lokaler Content von dort 🙂
Special Interest: Straßenbahnen in Mailand
Special Interest: Schach. Cosima ist ehemalige britische Jugend-Nationalspielerin und betreibt eine Schachschule. Täglich gibt es Schachprobleme und deren Lösungen erklärt
Special Interest: KI und InfoSec (Informationssicherheit). Ein in der Schweiz arbeitender deutscher Informatiker über KI (insbesondere agentic coding/vibe coding) und Informationssicherheit (Vulnerabilities, exploit-Vektoren etc.)
Politiker-Accounts sind fast immer schwere Kost, jedes Wort ist optimiert, um Wählerstimmen zu fangen oder eine Agenda zu pushen – alle spielen sehr oberflächlich. Matthias Gastel ist eine Ausnahme. Als Grüner Verkehrspolitiker geht bzw. fährt er dorthin, wo es zählt: neue Bauprojekte der Bahn oder auch Radwege. Er zeigt Probleme und Planungen. In Zeiten von fleischfressenden Döner-Propagandisten ist jemand, der sich sachlich und hoch motiviert um Themen kümmert, eine erfrischende Ausnahme und Inspiration.
Und jetzt noch ein paar „professionelle Firmenaccounts“:
Das Social-Media-Team der deutschen Niederlassung des spanischen Eisenbahnfahrzeug-Herstellers Talgo. Seit Fahrplanwechsel sind deren ICE-L bei der DB im Einsatz.
Die Chefin des Eisenwarengroßhändlers Schrauben Figge aus Velbert erzählt jeden Freitag etwas über Schraubverbindungen. Ob Größen, Gewindesteigungen, Materialhärte oder Schraubsicherungen.
Erin arbeitet als Verkehrspolizistin in Toronto, Kanada. Falschparken auf Radwegen ist dort richtig teuer und wird knallhart geahndet.
Jetzt kommen die Ultra-Special-Interest-Kanäle: Feldbahnen in Indonesien. Oftmals mit deutschen Dieselloks und manchmal auch noch Dampfloks.
Da ich über 800 Accounts folge, muss ich hier einen Schnitt machen. TikTok erlaubt das Erstellen von Inhalten und Livestreams für Leute, die keinerlei technische Ahnung haben, aber auch für Leute, die Ahnung haben. Die Mischung aus originellem Content und professionellem Content, der insbesondere durch Inhalte überzeugt, macht die Plattform schon einzigartig. Ich möchte nicht verschweigen, dass man auch in wenigen Minuten in eine absurde Esoterik, Neonazi, Ausländerhass und Brainrot-Bubble abrutschen kann, wenn man die eingangs erwähnten Maßnahmen nicht durchhält.
Wobei… Brainrot ist manchmal schon unterhaltsam, quasi die Endstufe der Meme-Kultur. Die „besten“ oder „schlimmsten“ Formate schaffen es dann 2-3 Monate später auf Instagram.
Trotzdem noch ein paar Live-Kanäle. Diese streamen IRL (draußen, unterwegs). Oft gibt es keine Aufzeichnung, also direkt zusehen oder verpassen.
Er arbeitet im Winter in Davos im Bereich des Skigebietes Parsenn. Seine Auf- und Abfahrten streamed er täglich. Morgens 8:15 geht es mit von Davos Dorf mit der Parsenn-Bahn hoch, abends dann auf dem Snowboard oder der Bahn wieder runter. Wenns mit dem Schnee passt, auch nach Klosters.
