Die SZ berichtet heute hinter einer Paywall darüber: „Deutschland soll eigene Internet-Satelliten bekommen“ und setzt dies mit Starlink gleich. Es ist so falsch und ein Blödsinn.
Steigen wir kurz mal ins Thema ein: Geostationäre Satelliten, die bekanntesten dürften die TV-Satelliten der Marke ASTRA sein, stehen grob gesagt an einem „festen Punk“ im Orbit. Die Empfangs (und Sendeantennen) müssen einmalig ausgerichtet werden, die Satelliten sind mit Treibstoff versorgt um während ihrer Lebenszeit notwendige Kurskorrekturen bzw. Manöver zur Kurshaltung durchzuführen.
Das Problem daran ist aber die Entfernung. Je größer die regionale Abdeckung sein soll, desto weiter muss der Satellit entfernt stehen (Clarke-Gürtel, ca. 35.000 km), weiterhin reduziert sich mit einer größeren Entfernung die Erdanziehung, sodass die Lebenszeit (durch den Kraftstoff an Bord beschränkt) der Einheiten viele Jahre betragen kann. Mit der Entfernung steigt aber die Latenz, also die Verzögerung des Signals. Während früher Analoge-Terrestrische-Fußballfans schon jubelten, brauchte das Signal über den Satelliten noch 5 weitere Sekunden.
Eine geringe Latenz ist im Internetzugangsbereich kritischer, als die reine Bandbreite, deshalb sind alle Satelliten-Internet-Angebote der frühen 2000er mehr oder weniger eine Nische geblieben, ich erinnere mal an „SkyDSL“. Dazu kommt, dass die Sendeleistung enorm sein müsste, weshalb bei vielen Angeboten nur der Empfang über den Satelliten läuft und der Upstream über das langsame Telefon- (früher) oder DSL-Netz.
Musks Starlink operiert vollständig anders im LEO (Low Earth Orbit). Die Satelliten sind Wegwerfeinheiten mir kurzer Lebensdauer, die in etwa 350-550km Höhe laufend die Erde umkreisen. Eine Sichtverbindung besteht nur für wenige Minuten, intelligente Software realisiert einen Handshake bzw. Handover zum nächste Satelliten ohne wahrnehmbare Leistungsbeeinflussung.
Nur durch dieses Mesh-Netz und die geringe Distanz von ca. 1100 km erlauben überhaupt eine flüssige, latenzarme Internet-Nutzung. Starlink-Satelliten umkreisen die gesamte Erde, weil sie nicht geostationär sind, deshalb werden zwangsläufig viele bzw. fast alle Erdgebiete überflogen, wo die Satelliten dann kein Geld verdienen. Starlink dehnte daher seinen Vertrieb immer weiter aus, auch in den maritimen und aviatischen Bereich. Trotzdem ist fraglich, wie aktuell über 6000 Satelliten mit einer Lebensdauer von wenigen Monaten wirtschaftlich betrieben werden können.
Eine deutsche Lösung mit Fokus auf Deutschland wäre unfassbar ineffizient und ebenso teuer. Wir müssten auch mehrere hunderte Satelliten (es wird von bis zu 200 gesprochen) im All über unser Bundesgebiet fliegen lassen, die international nicht kommerziell/zivil nutzbar wären (dazu müssten es eher 6000 sein). Weiterhin hat Musk mit SpaceX einen enormen Vorteil in der Positionierung. Selbstkostenpreis, quasi. Wir müssten Launch-Dienstleister (wie SpaceX) teuer bezahlen, wobei sämtliche Kapazitäten der nächsten 5-10 Jahre sowieso ausverkauft sind, denn auch Jeff Bezos hat ein eigenes Netz am Start. Auch braucht es über die Erde verteilt mehrere Bodenstationen.
Die Abhängigkeit von Starlink im Ukrainekrieg oder dem Nahen Osten ist bedrückend. Der Technologievorsprung enorm. Die Reaktion „nachzubauen“ ist mMn aber nicht die Richtige. Wir sehen ja bei Galileo, dass es uns auch keine Unabhängigkeit von GPS, GLONASS, Baidu bringt, wenn mutmaßlich der Russe breitbandig stört.