Zum Inhalt springen

Good enough vs. für die Ewigkeit

Aktuell wird gerade wieder über die chinesischen E-Commerce-Plattformen Temu und Shein diskutiert und deren Einfluß auf den deutschen Einzelhandel. Die einen sehen eine massive Steuerverkürzung, andere eine Klimaschädigung, eine Ausnutzung internationaler Posttarifverträge.

Ich persönlich bestelle aktuell nur noch bei AliExpress Bauteile fürs Rad, DIY-Arbeiten (Lötzubehör, bestimmte Verbrauchsgüter) und natürlich entspricht fast alles keinem hohen Qualitätsstandard, ist aber preisgünstig verfügbar.

Bei dem Klamotten von Temu und Shein ist es wohl ähnlich. Die Leute bestellen, werfen die Hälfte weg, bevor es überhaupt mal angezogen wird. Aus ökologischer Sicht natürlich eine Katastrophe, andererseits ist die Kritik auch einseitig.

Einerseits wollen und können wir unseren schnellen Konsum nur leisten, wenn er billig ist, andererseits können wir sehr nachhaltigen Konsum fast nicht mehr leisten, außer wenn wir ihn selbst produzieren oder zumindest reparieren.

Ein Beispiel sind teure Hausgeräte oder hochwertige Kleidung. Diese gehen auch kaputt und müssten instandgesetzt werden. Das erfordert neben Zugang zu Ersatzteilen und Maschinen auch die Zeit und das Wissen. Wir sind aber nur noch kompetent im „Outsourcing“, also solche Aufgaben Dritten zu übertragen, die mit notwendig hohen Stundensätzen den Bereich der ökonomisch darstellbaren Arbeit eingrenzen

Wenn ein Loch in der Hose 50€ Reparatur kostet, aber eine neue für 25€ aus China kommt, ist die Entscheidung eindeutig.

Auf der anderen Seite der Gesellschaft bauen wir für 1000 Jahre: Häuser, Erdleitungen, Verkehrswege sind bei uns extrem reguliert und kompliziert zu bauen und damit auch sehr teuer. Andere Länder, auch in der EU, haben einfachere Standards. Natürlich gibt es Abstriche in der Qualität, aber dafür einen breiteren Zugang. Siehe Glasfaserverkabelung in Spanien, Japan, Osteuropa. Selbstverständlich gibt es Fälle, wo ein sauber verlegtes Erdkabel Leben retten kann und ein beschädigtes „Freiluft“-Kabel Leben kostet. Aber wie häufig sind diese Fälle?

In der IT spricht man von der angestrebten (nicht: zwangsläufig realen) Verfügbarkeit in „Neunern“ nach dem Komma. Also 99% des Jahresmittels, oder eben 99,99999% – Ein Unterschied von mehreren Tagen. Aber ist das wirklich relevant? Zu hohe Industriestandards auf der einen Seite öffnen die Flanke für Extreme auf der anderen Seite, wie im Eingangsbeispiel:

Statt preiswerter, qualitativer Kleidung gibt es nur noch höchstpreisige Nischen oder den ganzen Low-End-Schund, bei dem sich alle Anbieter qualitativ nach unten arbeiten. Was wir eigentlich bräuchten, wäre ein guter Kompromiss aus Leistung und Preis. Ein akzeptabler Preis für alle, ein Produkt, dass mehr als ein paar Wochen/Waschzyklen/Anwendungen hält.

5x im Jahr ein Schrottprodukt mit 1,5€ Gewinn zu verkaufen ist aber lukrativer, als einmal im Jahr ein Produkt mit einer Marge von 5€ abzusetzen. Eine staatliche Regulierung hin zu letzterem bedeutet für viele Menschen einen gefühlten Einschnitt, da sie nur noch seltener zuschlagen können, selbst wenn das eine Produkt am Ende auch für sie wirtschaftlicher, weil langlebiger sei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu