Regelmäßig wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben, wenn für ein bestimmtes Krankheits- oder Störungsbild steigende Fallzahlen gemeldet werden. Anhand der Archive von Spiegel, Zeit und anderen Medien kann man die Schübe und die Krankheitsbilder sehr gut nachvollziehen. Ausnahmslos ist die journalistische Reaktion darauf verächtlich: „Scheindiagnosen! Modediagnose! Alle sind jetzt verrückt!“ – unabhängig von der politischen Ausrichtung des jeweiligen Mediums.
Der allererste Artikel über Asperger-Autismus erschien bereits 1972 im Spiegel, ist aber heute nicht mehr relevant. Danach war es viele Jahre lang ruhig, bis ab Ende 2000 über steigende Fallzahlen von „Asperger-Autismus“ im Silicon Valley berichtet wurde. Das Thema ging dann eine Weile durch die Medien, auch weil sich der renommierte Professor Simon Baron-Cohen dazu hinreißen ließ, Albert Einstein posthum einen Asperger-Autismus nahezulegen.

Ab etwa 2012 waren Burn-out und ADHS große Themen; ADHS wurde verächtlich als „Zappelphilipp-Syndrom“ bezeichnet. Es wurde unterstellt, die Kinder würden sich nicht genug anstrengen und könnten sich nicht konzentrieren. Wie schon bei Asperger-Autismus wurde auch hier die Erkrankung beziehungsweise Entwicklungsstörung oder Neurodivergenz infrage gestellt: „Früher hätte es das nicht gegeben.“
Einschub: Sämtliche (psychischen) Krankheiten werden zu Behandlungs- und Abrechnungszwecken kodiert. Hierfür gibt es zwei Manuale, also Handbücher. Diese werden alle paar Jahre an den Stand der Wissenschaft angepasst, sodass sich auch die Schlüssel ändern. Um das Jahr 2012 wurde das in den USA gängige DSM in einer neuen Version vorgestellt. Unspezifische Störungen wurden benannt und Schlüssel dafür geschaffen. Gerade bei Spiegel Online wurde verächtlich darüber berichtet:
06.06.2012, 08.10 Uhr
Forscher warnen vor Millionen Scheinpatienten
https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/adhs-burnout-depression-forscher-warnen-vor-millionen-scheinpatienten-a-836033.html
12.07.2012, 09.49 Uhr
Katalog der Störungen
https://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/dsm-5-das-neue-handbuch-fuer-psychische-stoerungen-und-diagnosen-a-838447.html
20.01.2013, 13.00 Uhr
Wahnsinn wird normal
https://www.spiegel.de/politik/wahnsinn-wird-normal-a-105f2b19-0002-0001-0000-000090638343
Als ob man Probleme einfach leugnen könnte. Als ob es keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse gäbe.
In Deutschland verwendet man den ICD der UN und auch 2026 noch die alte Version ICD-10. Das international beschlossene neue Release ICD-11 ist aus Bürokratiegründen bis heute in Deutschland nicht eingeführt. Egal ob Nasenbluten, Beinbruch oder Autismus-Spektrum-Störung: Im ICD gibt es Codes dafür.
Nach einigen Jahren „Pause“ wurde ab 2020 wieder eine Runde „Modediagnose“ gespielt. Man bezichtigte Menschen, die entweder diagnostiziert waren oder sich intensiv mit Autismus und/oder ADHS beschäftigt hatten, andere dazu zu bringen, ebenfalls eine Diagnose anzustreben. Insbesondere Social-Media-Nutzer auf TikTok und YouTube wurden angegriffen.
Dabei wäre es einfach gewesen: ausreichend Stellen für Diagnostik zu schaffen, Verdachtsfälle schnell abklären zu lassen und dann für Hilfe zu sorgen. Doch das geschah nicht. Man saß das Problem aus. Das gilt in Deutschland für fast alle psychischen Probleme, da die Wartezeiten bei Psychotherapeuten und Psychiatern manchmal zwölf Monate betragen – zumindest, wenn man gesetzlich versichert ist.


Doch irgendwie schafften es trotzdem viele Menschen, eine Diagnose zu erhalten, und die steigende Zahl war nun offiziell. Trotzdem spricht man Menschen die Diagnose, dem Fachpersonal die Fähigkeit zur Diagnose und dem gesamten Krankheitsbild überhaupt die Existenz ab.
Warum machen sich Menschen auf die Suche nach einer Diagnose? Weil sie ein Problem sehen, teilweise seit ihrer Kindheit. Sie sind oftmals depressiv und stehen am Rand der Gesellschaft und des Arbeitsmarktes. Sie bräuchten Hilfe, aber man spricht ihnen ihre Probleme ab.
Ähnlich sieht man es bei Burn-out und PTBS sowie bei Long Covid/PCS und ME/CFS: Alles sei Einbildung. Bis es dann Ärzte selbst trifft und ihnen klar wird, dass es keine Einbildung sein kann.
Statt Empathie für die Betroffenen aufzubringen und eine Ausweitung der wissenschaftlichen Forschung zu fördern, um Therapien oder Bewältigungsstrategien zu finden, wird den Menschen das Problem schlicht abgesprochen.

Besonders übel kann dies bei Störungen sein, die mutmaßlich eine sehr hohe genetische Komponente haben. Bei Autismus-Spektrum-Störungen gehen viele Forschende davon aus. Wenn aber bereits mindestens ein Elternteil unter der Störung leidet und nicht selbst bereit ist oder war, professionelle Hilfe zu suchen, wird das Kind diese auch nicht erhalten. Es wird in der Gesellschaft, in der Schule und im Beruf als Außenseiter dastehen, ebenso wie es die Eltern waren, die bis zuletzt ihre eigenen Probleme geleugnet und nur das Kind als Ursache gesehen haben.
Es ist zum Beispiel auch so, dass Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung und ADHS sich anziehend finden und der Nachwuchs dann u.U. unter beidem Problemen leidet, z.B. wegen einer hyperaktiven Mutter und einem autistischen Vater.
Heute ist es viel besser. Wenn Mütter oder Väter mit ihren Kindern beim Psychiater sind, wird ihnen oft selbst eine Diagnose nahegelegt. Sie wissen dann also, was anders ist, und zwingen ihr Kind nicht, neurotypische Verhaltensweisen zu simulieren – oder Schlimmeres.
Doch gerade Welt Online veröffentlicht seit 2025 wieder regelmäßig Artikel über Autismus-Spektrum-Störungen, die den Betroffenen die Symptome absprechen und Autismus nur als Schwerstbehinderung mit Intelligenzminderung darstellen (vgl. Down-Syndrom). Dazu wird die Einzelmeinung einer Forscherin zitiert, die längst aus dem Wissenschaftsbetrieb ausgeschieden ist. Forschende in Deutschland, zum Beispiel in Berlin, Freiburg, Hamburg, Köln und München, werden nicht angefragt. Denn ihre Stellungnahmen würden die Meinungsmache entlarven.
Mir ist ein Fall bekannt, da hat die Person schon 2005 zum ersten Mal vom „Asperger-Autismus“ gehört und laienhaft sämtliche Symptome bei sich gesehen. Die Person hat sich auch wegen o.g. journalistischer Berichte und dem Stigma jahrelang geweigert, den Verdacht abklären zu lassen. Erst durch diverse TV-Reportagen und Social-Media-Kanälen von Betroffenen wurde der Verdacht nochmals bestätigt. Eine jahrelange Suche nach einer Diagnostikstelle folge und am Ende musste alles selbst bezahlt werden, weil auf GKV-Tarif keine(r) mehr arbeiten möchte. Die Diagnose wurde mittlerweile auch von einer weiteren, renomierten Stelle bestätigt, auch wenn Welt Online noch aufhören kann, dies zu leugnen und Der Spiegel sich vorletzte Woche mal wieder angeschlossen hat:

Gute Beiträge: